Der Beitrag des Neuheidentums und Robert Heinleins zur Entstehung der polyamoren Bewegung

Autor: Julio Lambing

Neuheidnische Orientierungen sind überdurchschnittlich stark in der zeitgenössischen US-amerikanischen Polyamory-Szene vertreten. Es ist kein Zufall, dass einer der ersten Fälle von polyamorer Publizität eine neuheidnische Familie betraf: Aufgrund der angeblichen Amoralität dieses Lebensstils wurde einer betroffenen Mutter, April Divilbiss, das Sorgerecht entzogen.1 Bei zwei umfangreichen Umfragen unter polyamor lebenden Menschen in den USA wurde ein Anteil von Neuheiden/Wicca von 31 bzw. 30 Prozent ermittelt, deutlich mehr als der normale Verbreitungsgrad dieser Religionen in der amerikanischen Gesamtgesellschaft.2

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für die Formierung jener Bewegung in den USA, die seit den 90er Jahren unter der Selbstbezeichnung "polyamor" auftrat, dürfte das Engagement der neuheidnischen Autorin und Aktivistin Morning Glory Zell-Ravenheart (vorherig Morning Glory Zell, geboren als Diana Moore) gehabt haben. Sie ist Partnerin des neopaganen "Zauberes" Oberon Zell-Ravenheart (vorherig Otter G'Zell, geboren als Timothy Zell). Beide waren tief beeinflusst von den Ideen des Science-Fiction-Autors Robert Heinlein zu Sexualität und Ehe.

Heinlein hatte 1961 in dem Roman "Stranger in a Strange Land" (dtsch: "Fremder in einer fremden Welt") die Geschichte eines Marsianers erzählt, der eine mystische Kirche namens "Church of all Worlds" gründete, in der Orgien, sexuelle Promiskuität und Kommunebildung gemeinsam mit dem Erlernen telepathischer Fähigkeiten die Erdbevölkerung verändern sollte. Das utopisch gestimmte Buch passte gut in die Aufbruchszeit der 60er Jahre und war überaus erfolgreich: Formulierungen des Romans wie das marsianische Verb "to grok" ("verstehen", "lieben" und "eins sein mit") oder "I am but an egg" gingen in die US-amerikanische Studentenkultur ein, Motive wie das sogenannte "Water-Sharing Ritual" (um "Water-Brother" zu werden), wurden Party-Gags. Einige Jahre später veröffentlichte Heinlein den Roman "The Moon Is a Harsh Mistress" (dtsch: "Revolte auf Luna", später auch "Der Mond ist eine herbe Geliebte"), dessen Geschichte über eine Revolution auf dem Mond mit ähnlichen Motiven spielt. Die Sozialstruktur der Mondkolonisten beinhaltet die Gruppenehe, in der alle Mitglieder miteinander schlafen konnten, zugleich aber auch für die Aufzucht der Kinder und die Einkommensbeschaffung verantwortlich waren. 3 Der Roman hatte ebenfalls Einflüsse auf die US-amerikanische Populärkultur.

Heinlein's Ideen strahlte in die gesamte Gegenkultur aus. So berichtete der Autor, daß er 1966 eine Einladung der "Kerista"-Kommune - Erfinder des Begriffs "Polyfidelity" - erhielt, die seine Bücher als Pflichtlektüre ansahen.4 Bereits 1962 hatte Oberon Zell-Ravenheart gemeinsam mit einem Mit-Studenten eine Wasserbruderschaft gegründet, nach einem Ritual, das Heinleins Roman entlehnt war. 1968 gründete er dann eine reale "Church of all Worlds", die zwei Jahre später als religiöse Gemeinschaft in den USA anerkannt wurde. Grundritus, soziale Struktur und viele Inhalte sind direkt dem Roman entlehnt, allerdings übernahm er auch viele Motive und Gebräuche der neuheidnischen Wicca-Bewegung.5 Dies war nach eigener Aussage eine direkte Folge seines Kontakt mit der Gruppierung "Feraferia", eine Weiterentwicklung der neuheidnischen "Fellowship of Hesperides", die der neopagane Aktivist und Künstler Frederick ("Fred") McLaren Adams 1957 gegründet hatte. Fred Adams Gruppen waren neohellenistische erotische Kulte, die stark von den mythologischen Ideen von Robert Ranke-Graves und dessen Konzept der Großen Göttin inspiriert waren Im Zentrum des Kults stand die jugendliche Göttin Kore. Oberon Zell-Ravenheart war von der ökologischen Sensibilität und der tiefen religiösen Hingebung an die Göttin tief beeindruckt. (Die Historikerin Carole M. Cusack bezeichnet die Kommune, die sich um einem von Adams gegründeten Tempel in der Sierra Madrea scharte und in der er von 1957 - 1959 lebte, sogar als "polyamouros commune".)6

Als Zell-Ravenheart 1970 seine bekennend nicht-monogame, junge Frau kennenlernte, gründeten die beiden um ihre Paar-Beziehung eine Gruppenehe, die sie Ravenhearts nannten.7 Damit passten sie durchaus in die Szene: Vorstellungen von Mehrfachbeziehungen sind im Neopaganismus seit den 50er Jahren durch die Rezeption des Wicca-Kultes wie durch feministische und matriachale Deutungen polygamer Strukturen bei den antiken Kelten durchaus verbreitet. Das Bild der selbstbestimmten Priesterin, Königin, Hexe, die sich mit mehreren Männern liiert, war unter Neuheiden spästens im Gefolge der 68er und Hippy-Bewegung populär und wurde durch feministische Interpretationen dynamisiert.

Die Church of all Worlds brachte es in der Folge zu einigem Einfluss im neuheidnischen Milieu. Bis heute ist die Online-Community rege, die Gruppe unterhält "Nester" (ein weiterer Begriff von Heinlein) in diversen US-Bundesstaaten. Zell-Ravenheart gab zudem das von ihm 1968 gegründete neuheidnische Magazin "Green Egg" heraus, eine der ersten US-amerikanischen Umweltschutz-Zeitschriften."Trotz des auf viele Leser versponnen wirkenden religiösen Hintergrundes genoss sie (die Zeitschrift) in der 1970ern und 1980ern einen guten Ruf."8 Mit der Zeit wurde das Magazin immer hochwertiger und fand internationale Verbreitung. Lange Jahre war es wichtiges Diskussionsforum für die neopagane Szene im angelsächsischen Raum.9 Während Heinlein anfangs der Gründung der nach seiner literarischen Vorlage benannten Organisation eher skeptisch gegenüberstand, wurde er später Abonnent der Zeitschrift und veröffentlichte sogar ein Testimonial zur Unterstützung.10

Morning Glory Zell-Ravenheart veröffentlichte im Mai 1990 in der US-amerikanischen, neopaganen Zeitschrift "Green Egg Magazine" einen Artikel unter dem Titel „A Bouquet of Lovers“ („Ein Blumenstrauß von Geliebten“), in dem sie vielfach die Wortverbindung „poly-amorous“ zur Bezeichnung eines neuen Avantgarde-Lebensstils verwendete. Zell-Ravenheart beanspruchte später, den Begriff in dieser Zeit eigenständig erfunden zu haben, da sich kein geeignetes Wort fand, ihre Beziehungsvorstellungen zusammenzufassen.11 Der Artikel wird oft als Geburtsstunde des Begriffs "Polyamory" identifiziert, was allerdings nicht den Tatsachen entsprechen dürfte. (Mehr dazu in unserem Artikel [Poly Begriffsgeschichte">"Begriffsgeschichte Polyamory"). Dadurch, dass Zell-Ravenheart den Begriff ins neopagane Milieu trug, schlug sie jedoch eine wichtige Brücke zwischen diesem und dem homosexuellen Milieu. Die alternativen Lebensstile beider Szene teilen - bei durchaus unterschiedlicher Prägung - eine überdurchschnittliche Präsenz von und Offenheit für polyamore Lebensstile. Zell-Ravenhearts Artikel wurde 1992 von Deborah M. Anapol in ihrem Buch "Love Without Limits. The Quest for Sustainable Intimate Relationships" wieder abgedruckt und war damit in einem Standardwerk der US-amerikanischen polyamoren Szene präsent.12

Die Church of all Worlds war laut Oberon Zell seit 2001 die erste gesetzlich anerkannten Kirche, die Gruppenehen unabhängig vom Geschlecht und Anzahl als Sakrament und Zeremonie anerkannte und auf Wunsch durchführte. 13

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  • 1. nachdem sie mit ihrem Ehemann und ihren Geliebten im November 1998 in der MTV-Show "Sex in the 90s: It’s a Group Thing." aufgetreten war. In einem Artikel von Associated Press wird die damals 21-jährige folgendermaßen zitiert: "The government feels they have the right to impose their own morality on us, (...) We practice Wicca and within our religion this is a very moral situation. It's a highly thought of way to raise children." Woody Baird: "Pagan Mother Battles for Custody"; 11 January 1999; abgerufen am 04, März 2011. Der Fall ist ausführlich hier dargestellt: Elizabeth F. Emens: "Monogamy's Law: Compulsory Monogamy and Polyamorous Existence"; University of Chicago, Public Law Working Papers, Nr. 58; Chicago, February 2004; S.27-S.29
  • 2. Siehe dazu: Adam Weber: "Survey Results: Who Are We? And Other Interesting Impressions"; Loving More Magazine 30 , Summer 2002; S.4-6. Die englischen Bezeichnungen "pagan" und "neopagan" werden dabei anders verwendet als in der deutschen Diskussion, in der z.B. auch Wicca als "neuheidnisch" gilt und schamanische Orientierungen als "pagan". Dies wurde hier zusammengefasst. Details hinsichtlich der verschiedenen neuheidnischen Gruppierungen finden sich in der Dokumentation der Studie:Ryam Nearing: "Polyamory Demography – the "Loving More Magazine" Study (2000)"; International Communications Research (ICR); Study #6293, August 2001; Table 219, Seite 401; Leanna Phyllis Wolfe: "Jealousy and Transformation in Polyamorous Relationships"; Dissertation; The Institute for Advanced Study of Human Sexuality San Francisco, California; June 2003; S.44
  • 3. Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011)
  • 4. Carole M. Cusack: "Invented Religions: Imagination, Fiction and Faith"; Farnham/Surrey (Ashgate Publishing Limited), 2010; S.38
  • 5. Martin Marheinecke: "Die Science Fiction-Religion", zuerst erschienen in der Zeitschrift: "phantastisch!", Nr. 11, Juni 2003, Verlag Achim Havemann
  • 6. Carole M. Cusack: "Invented Religions: Imagination, Fiction and Faith"; Farnham/Surrey (Ashgate Publishing Limited), 2010; S.63
  • 7. Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011. Siehe auch: David Allyn: "Make love not war. The sexual revolution: An unfettered history, Little, Brown and Company (Boston/New York/London), 2000; S.79ff.
  • 8. Martin Marheinecke: "Die Science Fiction-Religion", zuerst erschienen in der Zeitschrift: "phantastisch!", Nr. 11, Juni 2003, Verlag Achim Havemann
  • 9. Margot Adler:"Drawing Down the Moon: Witches, Druids, Goddess-Worshipers, and Other Pagans in America Today"; Beacon Press (Boston), revised edition 2006; S.300-334
  • 10. Siehe dazu: Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011. Zum Testimonial Heinleins siehe die Website des Magazins: "GREEN EGG gives me a new perspective... I read the GREEN EGG because it has in it things I do not find elsewhere." Abgerufen am 11. Februar 2011
  • 11. Siehe dazu: Cherie L. Ve Ard: "Influence of the Science Fiction Writings of Robert A. Heinlein on Polyamory"; March 21, 2005; aufgerufen am 11. Februar 2011. Sowie Alan Polyinthemedia „Polyamory enters the Oxford English Dictionary" in "Polyamorous Percolations" vom 6. Januar 2006 (Update 18. Dezember); aufgerufen am 10. Februar 2011
  • 12. Deborah M. Anapol: "Love Without Limits. The Quest for Sustainable Intimate Relationships"; Intinet Resource Center 1992
  • 13. Serena Anderlini-D'Onofrio: "Plural Loves: Designs For Bi And Poly Living"; Binghamton, N.Y. (The Haworth Press); 2004; S.104