Geschichte der polyamoren Bewegung in Deutschland, Österreich und Schweiz

Autor: Julio Lambing

Seit 1990 organisierten und vernetzten sich unter dem Schlagwort „Polyamory“ im US-amerkanischen Raum Menschen, die in einvernehmlichen Liebesbeziehungen zu mehreren Personen leben oder dieses gutheißen. Seit etwa 2002 begannen sich auch im deutschsprachigen Raum Menschen unter diesem Schlagwort über Websites, Mailinglisten und Stammtischen zu vernetzen. Zentral war hierbei die Rolle der Schweizer Mailingliste poly-ch http://www.polyamory.ch/doc/mailingliste und der Website http://www.polyamory.ch, die als erste deutschsprachige Webpräsenz und digitale Austauschplattformen explizit unter dem Begriff firmierten. Beide waren von Roman Brusa initiiert und am 1.1.2000 online geschaltet worden.1 Die Mailingliste umfasste im ersten Jahr etwa 20 Personen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, die Brusa durch eigene Recherchen zum Thema kannte. 2001 begannen erste regelmäßige Gruppentreffen von Gleichgesinnten in seiner Heimatstadt Luzern, später entstanden weitere Gruppen in anderen Schweizer Städten.2 Die Mailingliste wuchs im Laufe von 11 Jahren auf mehr als 370 Mitglieder an.3

Polyamorie ist für jene bisexuelle Menschen, die ihr Bedürfnis nach Sexualität/Partnerschaft mit gleich- und gegengeschlechtlichen Partnern zugleich ausleben wollen, eine naheliegendes Thema. Im Frühjahr 2006 wurde von Mitgliedern der Interessenvertretung für bisexuell orientierte Menschen in Deutschland, dem Bisexuellen Netzwerk (BiNe) e.V., eine Arbeitsgruppe eingerichtet, im Herbst des gleichen Jahres auf dem bundesweiten Treffen ein erster Workshop durchgeführt.4 In verschiedenen deutschen Städten spielten bisexuelle Stammtische eine Rolle bei der Bildung eigenständiger polyamorer Treffpunkte.

Einen wichtigen Beitrag zur Entstehung einer deutschsprachige Community leistete auch die feministische Szene. Als Reaktion auf die Diskussion über die Einführung einer Ehe zwischen homosexuelle Menschen bildete sich in der Lesbenbewegung eine Gegenbewegung, die die gesetzgeberische Gleichstellung der nicht-monogamen Lebensweisen mit monogamen Lebensweisen forderte. Auf einem ersten bundesweiten Koordinierungstreffen für Lesben zur Gleichstellung aller Lebensweisen wurde im September 1999 in Regensburg die "Schlampagne" als Aktionsplattform gegründet. Das Wort "Schlampe" wurde dabei als Geusenwort zur Selbstbezeichnung von Frauen gewählt, die nicht in klassisch-monogamen Lebensweisen leben oder leben wollen.5 Der Ansatz war innerhalb der Schwulen- und Lesbenbewegung umstritten und konnte sich politisch nicht durchsetzen. Im feministischen Orlanda-Verlag wurde 2005 das Buch "Mehr als eine Liebe: Polyamouröse Beziehungen" veröffentlicht, in dem 30 Autorinnen in Portraits, Erzählungen, Interviews und Sachartikel das Thema beleuchten.6 Es ist das erste deutschsprachige Buch, das explizit die Bezeichnung "polyamor" ins Zentrum stellt. Im Juni 2006 wurde die erste Ausgabe der in Nürnberg verlegten Zeitschrift "Die Krake - Künstliche Beziehungen für unnatürliche Frauen" veröffentlicht, in der einmal jährlich "polyamide" Frauen/Lesben über ihre Lebenssweise schreiben. Aus dem Umfeld der Zeitschrift wurde im Sommer 2007 in Oldenburg ein kleines Filmfestival organisiert, das Filme, Workshops, Lesungen udn Vorträge rund um polyamore Lebensweisen und die "Schlampen-Bewegung" anbot 7, im Herbst folgte ein erstes überregionales Treffen für polyamide Lesben, das unter dem Titel "Ferienlager für unnatürliche Damen", im Herbst 2007 in Thüringen stattfand. Es folgten weitere jährliche Ferienlager, Workshops und Vorträge. Das Autorenteam der Krake betreibt auch seit Anfang 2008 eine Website unter dem Titel "Schlampige Polytanten", auf der die jeweiligen Veranstaltungen angekündigt werden.

Auch die erste Veranstaltung, auf der überregional aus ganz Deutschland Menschen zusammentrafen, die sich als polyamor beschreiben, wurde aus dem feministischen Umfeld initiiert. Unter der Federführung von Prof. Dr. Marianne Pieper und Robin Bauer hatte das Forschungszentrum für feministische Gender- und Queer Studien (Institut für Soziologie) an der Universität Hamburg vom 04. bis 06. November 2005 zu einer akademischen Tagung unter dem Titel „International Conference on Polyamory & Mono-Normativity“ eingeladen. 13 internationale Referenten analysierten dort verschiedenste Aspekte des nicht-monogamen Lebens. Von den ca. hundert Besuchern stammten eine Vielzahl aus dem Umfeld der sich in Deutschland formierenden polyamoren Bewegung. 8 Im Rahmenprogramm der Tagung wurde durch die Polyamory-Veteranin und Autorin des Szene-Bestsellers "The Ethical Slut" Dossie Eaton auch ein praktischer Workshop zu "Eifersucht und Liebe" angeboten.

Seit etwa 2007 stieg das Medieninteresse an polyamoren Lebensformen deutlich an.9 Es erschienen Artikel in den Tageszeitungen Die Welt, taz, Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Bild-Zeitung, Süddeutsche Zeitung, im Stern. 10 Fernsehen und Radio stellten polyamor lebende Menschen vor und luden sie in Talksshows ein. Weitere Bücher, die Polyamory unmittelbar behandeln, wurden 2006 von Erhard Söhner/Bärbel Schlender11 und 2008 von Felix Ihlefeldt12 veröffentlicht. Zu dem verstärktem Medieninteresse trug auch eine Pressemitteilung der Grünen Jugend Im Frühjahr 2006 bei, die sich gegen damalige politische Äußerungen von CSU-Politikern wandte, die die traditionelle Kleinfamilie als allein akzeptable Lebensform hervorhoben. Die Grüne Jugend entgegnete: "Viel mehr als die bürgerliche Ehe wünschen sich viele Menschen: Beziehungen auf Zeit, Beziehungen mit mehr als einer Person, Freundschaften mit Sex. Wer derart leben möchte, soll in unserer Gesellschaft nicht mehr in seiner Entfaltung behindert werden.13 In der Folge entstand eine Kampagne unter dem Titel "Monogamie ist auch keine Lösung", deren öffentliches Gesicht das damalige Vorstandsmitglied der Grünen Jugend und spätere Mitglied des Parteirats der Grünen, Julia Seeliger, war. 14

Nach diversen regionalen Treffen von polyamor orientierten Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde über die deutschprachige Mailingliste "poly-ch" im Frühling 2008 von Andreia Dejardin und Friedl Kraußer ein erstes länderübergreifendes Treffen im deutschsprachigen Raum initiiert und organisiert, das weder an akademische Institutionen noch an die feministische Szene angebunden war und Menschen jeglicher sexueller Orientierung offenstand.15 An dem Treffen im Spessart nahmen etwa 50 Menschen aus allen drei Staaten teil. Jeweils im Frühjahr und Herbst der Folgejahre wurden weitere Treffen veranstaltet, die Teilnehmeranzahl liegt zwischen 80 und 110 Personen.

Um den deutschsprachigen länderübergreifenden Treffen mit jeweils bis zu 100 Teilnehmern eine organisatorische Absicherung in Form eines öffentlichen Trägers zu geben und den Medien einen koordinierenden Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen, wurde von den Organisatoren der Treffen und weiteren Engagierten im November 2008 der Verein Polyamores Netzwerk gegründet und beim Amtsgericht Nürnberg eingetragen.

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